Buchhandlung Kiepert - ein Nachruf

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Nachruf auf Buchhandlung Kiepert (5. Oktober 2002)

Firmen und Läden kommen, Firmen und Läden gehen. Das ist in der heutige Zeit nichts wirklich besonderes mehr und letztlich irgendwo eine Art natürliche Auslese der Marktwirtschaft. Solange ich alles, was ich brauche, noch bekomme und natürlich auch von meinem Arbeitsplatz her nicht davon betroffen bin (oder Bekannte von mir), berührt mich das eigentlich immer weniger. So sind halt die Zeiten! Bei manchen Läden, die um die Ecke gerade aufgemacht haben, frage ich mich allerdings, wie man es überhaupt für eine gute Geschäftsidee halten könnte, das fünfte Lokal oder den dritten Friseur im Umkreis von hundert Metern aufzumachen. Und wenige solcher Läden halten sich länger als ein Jahr.

Mit Kiepert ist das ganz etwas anderes. Davon fühle ich mich persönlich zu tiefst betroffen, ja bin beinahe darüber beleidigt, daß es diesen Büchertempel für mich und auch andere in Zukunft nicht mehr geben soll.

Ich wohne seit meiner Geburt vor nun 38 Jahren im Westteil von Berlin. Und schon für meine Mutter war klar, daß wenn sie etwas spezielleres an Büchern haben wollte, zu Kiepert am Ernst-Reuter-Platz fuhr, der früher einfach "Das Knie" hieß. Schon lange vor meiner Zeit war "Kiepert am Knie" ein Begriff unter den Bücherfreunden Berlins.

Das schöne an Kiepert war, daß dort immer eine größere Menge von Büchern zu den verschiedenen Themen vorrätig war. Man konnte stöbern in den Regalen und wurde auch fast immer fündig. Es gab auch Bücher, die nicht dem Mainstream untergeordnet waren, der meiner Meinung nach in solchen Läden wie Hugendubel und Konsorten vorherrscht. Wer etwas besonderes möchte, muß bestellen. Eigentlich geht es immer mehr dahin, zu bestellen. Das geht zwar fix (von einem Tag zum anderen), kann doch aber nur funktionieren, wenn ich genau weiß, was ich will. Und dann kann ich's ja fast schon im Internet machen.

Wenn ich Bücher kaufen gehe (was meistens keine Belletristik ist, sondern Sachbücher zu Geographie, Geschichte, Reiseführer, Bildbände, Landkarten), dann möchte ich in den Büchern blättern und dann entscheiden, ob ich sie kaufe. Und 80% der Bücher, welche ich in die Hand nehme, lege ich wieder zurück. Die übrigen 20% sind dann aber immer noch zwei oder drei an der Zahl. Und das passiert mir mehrmals im Jahr. Wenn es also eine allgemeine Krise im Buchhandel gibt, so gewiß nicht meinetwegen.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Kiepert etwa in 20 Minuten von mir aus erreichbar gewesen, meine Schuljahre auf dem Schiller-Gymnasium habe ich neben Kiepert verbracht, danach meine Studienjahre an der Technischen Universität, immer gewiß, daß, wenn es Bücher zu beschaffen gab, die ultimative Quelle dafür in unmittelbarer Nähe sprudelte. Noch vor Kurzem habe ich bei Kiepert Fachliteratur für Computer-Programmierung für mehr als 100 Euro gekauft. Nur das letzte mal war ich dann sehr enttäuscht. Früher war Kiepert für mich auch der Landkartenladen. Und da war aufgrund der Zahlungsschwierigkeiten schon nur noch so etwas wie der Ausverkauf der Restbestände vorgesehen. Ich habe den Laden unzufrieden verlassen. Und das ist nicht oft passiert.

Ja, das ist eine ganz persönliche Sicht der Dinge, und ich bin irgendwie auch ein bißchen wütend. Ich weiß nur nicht, auf wen. Ich fühle mich in meiner persönlichen Lebensqualität beeinträchtigt und weiß nicht, wen ich dafür beschimpfen soll. Vielleicht ist der Schreck ja auch deshalb so groß, weil Kiepert sicht in den letzten Jahren einen Ausbau seines Ladens gegönnt hat, der alles vermuten ließ, nur nicht Zahlungsschwierigkeiten. Nach dem Studium der aktuellen Presseberichte kommt es einem dann eher so vor, als hätte man Kiepert aufgeblasen wie einen Ballon, und nun ist er geplatzt. Bäng! Kiepert weg! Mein Lieblingsbuchladen weg! Eine mir Freude machende Art des Einkaufens weg! Schade, schade, schade...