Attentate in den USA

14.9.2001, am dritten Tag danach

Nach dem ersten Schock, der mich ebenso wie fast alle Menschen, die ich kenne, getroffen hat und dem Überwinden der hilflosen Wut, die mich deshalb befallen hat, habe ich das Geschehen verarbeitet. Ich tat dies, indem ich versucht habe, sachlich die Fakten zu erfassen und entsprechend auch sachlich nur das zu bewerten, was ich darüber weiß. Und ich will auch mit diesem Text noch einfach nur irgend etwas weiteres tun dies zu verarbeiten.

Noch am selben Abend ist mir eine Frau begegnet, die der festen Überzeugung war, daß es jetzt Krieg gäbe. Das habe ich zu dem Zeitpunkt, als ich fast noch nichts wußte, schon nicht geglaubt. Was immer in letzter Konsequenz aus dem jetzigen Geschehen folgen mag: Einen offenen Krieg wird es meiner Meinung nach nicht geben. Das was es jetzt geben wird, wird nicht wirklich neu sein.

Die größte Gefahr besteht wohl darin, daß jetzt in blinder (ja auch verständlicher) Wut auf weitere Unschuldige eingedroschen wird, nur um sich Genugtuung zu verschaffen. Das Opfer kann im Kleinen der arabisch aussehende Nachbar in Berlin genauso sein, wie im Großen viele Zivilisten in Afghanistan nach einem militärischen Vergeltungsschlag. Daß man die direkten Täter aus den Flugzeugen nicht bestrafen kann (denn sie sind ja schon tot), erhöht unsere Wut natürlich umso mehr. Doch wenn wir wahllos Andere an deren Stelle bestrafen, dann wird das nur wieder weitere Menschen dazu bewegen, sich in Attentaten zu versuchen, welche auch gegen uns in Deutschland gerichtet sind. Wie will ich einen Islamisten davon überzeugen, daß unsere Gesellschaft in Ordnung ist, wenn ich aus Rache dessen Brüder und Schwestern töte?

Das Attentat hat genau die Schwächen bloßgelegt, welche die in den Interviews jetzt immer öfter so bezeichnete 'zivilisierte Welt' hat. Durch die Achtung des einzelnen Menschen wäre es vermutlich selbst beim Wissen um das Ziel der ersten entführten Flugzeuge kaum denkbar gewesen, diese dann abzuschießen. Allerhöchstens vorbeugen hätte man können, indem man verhindert hätte, daß die Täter das Flugzeug überhaupt betreten. Doch wer will bislang unbescholtenen Bürgern solches verwehren? Man sieht es Ihnen ja nicht an. Und bewaffnet waren sie ja angeblich auch nur mit Messern. Ich glaube nicht, auch zukünftig, daß sich so etwas grundsätzlich verhindern läßt. Über geheimdienstliche Aktionen im Vorfeld möchte ich hier gar nicht erst zu spekulieren anfangen.

Wie kann ich nun mit solcher Bedrohung leben? Kann ich überhaupt mit Bedrohung leben? Ich denke bei solchen Fragen dann immer, daß ich es doch sowieso schon täglich tue. Oder betrete ich etwa nicht mehr die Straße, steige in kein Auto, keinen Bus, keinen Zug mehr ein? Ich weiß doch in meinem Innern, daß auch dort jederzeit etwas passieren kann, bis hin zum unverschuldeten Verkehrstod.

Es wird viel geschrieben und gesagt in diesen Tagen, so daß einem jeglicher Begriff, den man zu den Ereignisssen um diese Attentaten von sich gibt, irgendwie schon abgedroschen vorkommt. Aber selbst in den drei Tagen, die seither vergangen sind, hat sich der Ton schon gemildert und ist auch von politischer Seite besonnener (auch so ein abgedroschenes Wort) geworden. Jeder versucht auf seine Weise, irgendwie damit fertig zu werden. Man kann durch Schweigeminuten Solidarität mit den Opfern und vielleicht noch viel wichtiger mit den Hinterbliebenen demonstrieren, ihnen zeigen, daß sie nicht alleine sind. Durch die Tondokumente von letzten Anrufen aus den Flugzeugen oder dem brennenden World Trade Center wird unsere Anteilnahme ja zwangsläufig viel persönlicher. Die Bilder der einschlagenden Maschinen dagegen hatten im ersten Moment irgendwie eine Distanz von Kinofilmen. Man kann gar nicht glauben, daß das wahr ist.
Viele Menschen haben einfach das Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen (auch ich gerade hier). Man kann (muß?) darüber reden, kann vielleicht irgendwo etwas spenden oder aber auch Trost in der Kirche suchen. Es wird viel darüber diskutiert, ob man nun jegliche Vergnügungsveranstaltungen deswegen ausfallen lassen sollte. Ich denke nein. Meiner Meinung nach sollten die jeweils selbst daran beteiligten entscheiden (sofern das geht) ob sie wollen oder nicht, denn auch das kann eine Form der Verarbeitung sein. Ich selbst war offen gesagt auch am Abend auf der Suche nach Ablenkung in Form von Fernsehsendungen, die einen positiven Inhalt haben bis hin zur nackten Unterhaltung. Stattdessen waren überall die immer gleichen Bilder zu sehen. Das ist keine Kritik am Fernsehen, denn auch dort arbeiten Menschen, die zunächst mal für sich herausfinden mußten, ob denn ihr Leben ab diesem Tage ein anderes sein würde. Ich will damit nur sagen, daß man keine Art der Reaktion in diesen Tagen negativ bewerten sollte, es sei denn erneute Gewalt und offene Freude über die Attentate, so wie unter Palästinensern in Jerusalem geschehen.

Hat sich nun die Welt verändert? Nein! Es ist dieselbe Welt mit denselben Menschen, welche sich mit Rachegefühlen gegenseitig aufschaukeln, weil immer einige von ihnen (teilweise auch zu Recht) das Gefühl haben, daß ihnen von anderen Menschen unrecht getan wird. Dann gibt es sogenannte Führer, die diese Bereitschaft zur Aggression unter dem Deckmantel einer Religion oder einer gesellschaftlichen (auch wirtschaftlichen) Idee bündeln um schließlich mit größerer Kraft auf den jeweils benannten Feind einzuschlagen. Das ist der Mensch in seinem Kampf ums Überleben immer noch nach dem Evolutionsprinzip: Der Stärkere überlebt.
Dies wird solange so bleiben, bis jeder das Gefühl hat, er würde gerecht behandelt. Und wann sollte das sein?

Ich muß aber auch sagen, daß wir trotz allem relativ sicher leben und es den meisten Menschen in diesem Lande relativ gut geht, ebenso wie in den USA. Es dürfte noch immer gelten, daß bei uns niemand verhungern muß. Daß man viel größere Möglichkeiten hat, für die Kinder einen Lebensraum zu schaffen, der friedlicher und sorgloser sein kann, als anderswo. Wenn jetzt plötzlich Leuten auffällt, daß sie ihre Kinder in eine Welt hineingeboren haben, wo Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind, dann kann ich nur sagen: Vorher nicht richtig hingeguckt!
Wenn erst in unserer Umgebung, bei unseren Freunden und Verbündeten etwas passieren mußte, damit wir das begreifen (und wahrscheinlich ging es uns allen hier tatsächlich ein bißchen so), dann haben wir doch vor so manch anderem auch unsere Augen verschlossen.
In diesem Zusammenhang frage ich mich schon, wie wir das Attentat aufgenommen hätten, wenn beispielsweise eine irakische Opposition im Irak Gebäude von gleichen Ausmaßen gesprengt hätte mit einer vergleichbaren Anzahl von unschuldigen Toten.
Wenn wir dann ehrlich sagen könnten, wir wären genauso davon betroffen, dann wäre das zumindest ein gutes Vorbild. Ich kann dies aber von mir nicht behaupten. Ich hätte nicht gleichermaßen empfunden. Vermutlich hätte ich mir irgendeine selber-schuld-weil-Hussein-nicht-bekämpft Ausrede zurecht gelegt um mich nicht mies zu fühlen.

Letztlich können wir nur versuchen, es besser zu machen als bisher, eigentlich auch wissend, daß es nie wirklich allumfassend gut sein wird. Aber genau das ist doch wohl Aufgabe genug. Wenn es noch Schuldige geben sollte, die zweifelsfrei benannt werden können, so habe ich übrigens nichts dagegen, wenn diese bestraft werden. Da ist aber kein Unterschied in der Herkunft zu machen. Sie sollten bestraft werden als Personen, welche anderen Menschen unnötiges Leid und Unrecht angetan haben, unabhängig davon, wie sie aussehen, sich kleiden und woran sie glauben. Oder vielleicht auch nur zu dem Zwecke, so etwas nie wieder tun oder vorbereiten zu können.