Reisen - Mittenwald August 2000 - Tag 7

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10.8.2000, Donnertag

Wörnersattel

Landkarte

Ein wirklich ernsthafter Test mit einem Höhenunterschied von knapp mehr als Tausend Metern war von mir geplant. Für diesen Zweck bietet sich in der Nähe von Mittenwald leider kein Gipfel an. Also entschied ich mich, wie vor zwei Tagen sozusagen direkt hinter dem Haus loszulaufen und vorerst den Weg zu nehmen, den ich schon kannte (zur Hochlandhütte). Dieser sollte dann nach hinten raus verlängert werden.

Um nicht zu spät am Berg zu sein, stand ich auch etwas früher auf und zog das Frühstücksprogramm zügig durch, so daß ich das Haus gegen 8:15 Uhr verlassen konnte. Gut zehn Minuten später erreichte ich den Parkplatz Obere Rain, wo das Schild mit den 2 1/2 Stunden zur Hochlandhütte aufgestellt war. Dann ging es das erste steile Stück auf dem hier noch geteerten Fahrweg bergauf und ich bemühte mich diesmal um ein höheres Tempo als noch vor zwei Tagen. Durch die frühere Uhrzeit war es noch angenehm kühl und nach etwas mehr als 40 Minuten konnte ich am mir schon bekannten Bankele eine erste kleine Pause machen. Fünf Minuten später querte ich auf dem Weg zur Hochlandhütte abermals das Dammkartal und erreichte den Anstieg zu den Ausläufern des Predigtstuhls. Hier kam allmählich die Sonne vor, die zwar immer mal von Quellwolken verdeckt wurde, aber insgesamt den Tag zu einem sonnigen machte.
Von diesem Sattel aus hatten wir zur Hütte vor zwei Tagen noch dreißig Minuten gebraucht, obgleich die Hochlandhütte ja ziemlich nahe erscheint. Diesmal gelang es mir, etwas schneller zu sein. Dabei hatte ich auch noch ein Premierenerlebnis: Telefonieren mit dem Handy in 1600m Höhe. Ich bekam einen Anruf.
Nach knapp 1:45 Stunden ab Schild hatte ich die Hochlandhütte erreicht und nahm in strahlendem Sonnenschein um 10:10 Uhr einen halben Liter Mineralwasser zu mir. Ich war schon ziemlich schnell unterwegs gewesen, so schnell, daß ich hier und da in den anstrengenden Stücken immer mal wieder stehen geblieben bin. Aber eigentlich fühlte ich mich zu dieser noch ziemlich einsamen Zeit ganz wohl auf der Terrasse zur Hütte. Außer mir waren noch ein Wanderer und die Hüttenwirtin, welche Kartoffeln schälte, zu sehen.
Ich fragte die Wirtin schließlich, ob denn mein geplanter Weg begehbar sei. Ich wollte nach dem Wörnersattel unterhalb der Gipfel auf dem Gjaidsteig bis zum Bäralpl queren, um von dort mal einen Blick ins Karlwendeltal zu werfen und dann zur Fereinalm absteigen. Das mit dem Gjaidsteig wäre vom Weg her machbar gewesen, aber
von dort zur Alm abzusteigen war noch nicht wieder möglich, weil der Weg teilweise im Winter abgerutscht oder verschüttet war. Ich hätte also den ganzen langen Weg zurückgehen müssen. Und dazu hatte ich dann doch keine Lust. Ich war froh, daß ich gefragt hatte. Also wollte ich hinauf zum Wörnersattel und dann direkt hinunter zur Fereinalm oder auch Vereinsalm oder Vereinalm. So stand es auf manchen offiziellen Schildern. Aber das soll falsch sein.
Um 10:30 machte ich mich auf zum letzten aber auch längsten Anstieg am Stück von noch einmal ca. 350 Metern. Und da ging der große Hammer auf mich nieder. Ich hatte vorher scheinbar ganz gut überzogen. Die Pausen wurden immer mehr und an jeder Kehre saß der Innere Schweinehund und grinste mich böse an. Es war nicht so, daß mir die Lunge pfiff oder, was bei früheren Wanderungen häufiger vorgekommen war, der Puls bis in den Hals puckerte. Nur meine Beine wollten einfach nicht mehr so recht. Letztlich hatte ich das Gefühl, daß der Transport des Sauerstoffs von der Lunge zu den Beinen in diesem Moment nicht optimal organisiert war, bzw. die Energiezufuhr vom Magen zu den tragenden Muskeln.
Tatsächlich stand ich länger, als daß ich jeweils lief. Und dann ist eine Strecke, deren Ende man nicht direkt sieht, unendlich.
Unendlich dauerte eine Stunde und zehn Minuten. Dann hatte ich das Schild kurz unterhalb des Sattels erreicht. Dort setzte ich mich auf das am bequemsten aussehende Stück Wiese, suchte einen einigermaßen sicheren Platz für meinen Rucksack und betrachtete die Gegend.
Immerhin war ich trotzdem angekommen. Der innere Schweinehund war etwas weiter unten sitzen geblieben und hatte seine Chance noch einmal verpaßt.

ENDLICH VON DER HÜTTE AUS DEN SATTEL ERREICHT! ÜBER DAS TAL DES SEINSBACHES HINWEG SIEHT MAN DIE SOIERNSPITZE (2257m).

AUSSICHT VOM SATTEL NACH MITTENWALD. IM HINTERGRUND DAS WETTERSTEINMASSIV. DAS HALBHOHE GELÄNDE RECHTS VON MITTENWALD IST DAS GEBIET UM DEN KRANZBERG.

An dem Sattel befindet man sich in etwa 1980 Metern Höhe. Ihm vorgelagert ist noch der Wörnerkopf, der (lt. Karten) ein bißchen niedriger ist, aber einen leichten Abstieg und dann wieder ein paar Meter bergauf erfordert. Dazu hatte ich keine Lust. Direkt am Sattel in südlicher Richtung wachsen die 450 Meter höheren Felswände des Wörner aus der Landschaft, um diese Uhrzeit nur eine finstere Wand.

RECHTS DIE FELSWÄNDE DES 2476m HOHEN WÖRNERS. DER BLICK GEHT NACH OSTEN ÜBER WÖRNERKAR UND KAMMLEITENWÄNDE HIN ZUR 2538m HOHEN ÖSTLICHEN KARLWENDELSPITZE. DER WEG IM VORDERGRUND STAND MIR ZUR FEREINALM HIN NOCH BEVOR. URSPRÜNGLICH HATTE ICH VOR, DAS KAR UNTER DEN WÄNDEN (MARKIERTER WEG) ZU QUEREN UND DANN IRGENDWANN NACH RECHTS IN DAS KARLWEDELTAL ZU SCHAUEN.

Nach Südwesten finden sich im Vordergrund Predigtstuhl und Tiefkarspitze, dahinter die Zacken der Karlwendelköpfe. Im Norden schaut man über den Seinsgraben auf die Soierngruppe mit ihren schrofigen Pyramiden. Der Blick nach Osten geht entlang der nörlichen Karlwendelkette. Rechts immer die felsigen Gipfel. Unter einem das Wörnerkar, das auf der anderen Seite von den Kampleitenspitzen begrenzt wird. Dieser Felszug, der direkt auf die Fereinalm zuführt, besteht aus malerischen Zacken und Zinnen, die zu unrecht beinahe untergehen unterhalb der Wände noch größerer Felsriesen.
Beim Blick in das Wörnerkar, durch welches der Abstieg zur Fereinalm erfolgen soll, erkennt man deutlich den Weg und es schwant einem nichts Gutes. Das Kar besteht zu einem großen Teil aus Schutt und Geröll, ist aber trotzdem im oberen Bereich einigermaßen steil. Ich hatte die Möglichkeit, einen aufsteigenden und einen absteigenden Wanderer zu beobachten. Bei dem Absteigenden mit Stöcken staunte ich, wie langsam er trotz der Gehhilfen unterwegs war. Der Aufsteigende rutschte mehrfach mit seinen Schuhen weg und saß dann ziemlich fertig aussehend am Sattel, als ich selber zum Abstieg aufbrach.
Echtes Geröll geht sich gar nicht mal so schlecht, wenn man den Bogen raus hat und das leichte Wegrutschen der Gesteinsbrocken zum Abfedern der Schritte benutzt. Diese sollte man möglichst klein halten, damit der Schwung nicht zu groß wird und man nicht die Kontrolle verliert. So war der Weg im tiefer gelegenen Teil beschaffen. Im oberen Abschnitt des Weges aber gab es eine Schicht, die relativ fest war, wie angebacken. Und darauf befanden sich viele kleine Steinchen, vergleichbar mit Rollsplit. Das war die ideale Rutschbahn für Bergsteigerschuhe. Solche Wege kann man kaum bewältigen, ohne daß man hier und da mal wegrutscht. Das ist mir dann auch nicht peinlich. Es gehört dazu.
Immerhin schaffte ich es, ohne wirklich zu fallen. Ich hatte ebenfalls Beobachter, die mich etwa von der Stelle aus beobachteten, wo ich eben selber noch gespannt einen 'Absteiger' begutachtet hatte.

WÖRNERKAR: OBEN DER SATTEL, VON DEM ICH GEKOMMEN UND BEOBACHTET WORDEN WAR, KURZ NACH MEINEM ABSTIEG DURCH DAS GERÖLL.

Ich stelle immer wieder fest, daß bergab etwas ganz anderes als bergauf ist. Es werden ganz andere Gelenke und Muskeln belastet. Bergab geht es bei mir immer ganz gut. Und die Schwäche des Aufstiegs machte sich hier weniger bemerkbar, auch wenn ich natürlich trotzdem die Anstrengung des ständigen Abbremsens bemerkte. Froh war ich dann auch, als der Weg flacher wurde, besonders auch deshalb, weil man sich nicht mehr so konzentrieren muß um keine Fehltritte zu machen.

DIE ETWA 1800m HOHEN KAMMLEITENWÄNDE, WELCHE DAS WÖRNERKAR IM OSTEN BEGRENZEN UND MICH ZUR FEREINALM HIN BEGLEITETEN. SIE WIRKEN GEGEN DIE HÖHEREN BERGE DRUM HERUM FAST UNAUFFÄLLIG, HABEN ABER EINE ÄUßERST INTERESSANTE 'SKYLINE'.

Nach einem kleinen Wegstück durch den Wald kam ich gegen 13:15 Uhr an der Fereinalm an.
Dort befand sich eine liebliche Alpenlandschaft mit saftigen Weiden und Kühen darauf. Ein kleiner See ist auch vorhanden. E
ine alte Hütte hatte mitten im Dach eine Delle und war gerade im Abriß befindlich. Und drum herum sieht man überall Spuren von Lawinenabgängen des Winters.

DIE HÜTTE MIT DER 'DELLE' AUF DER FEREINALM. ALLERDINGS WEIß ICH NICHT WIRKLICH, WAS DIE URSACHE DAFÜR WAR.

An einer etwas tiefer gelegenen Hütte bekommt man jedenfalls zu Essen und zu Trinken.
Ich aß einen Linseneintopf mit Würstchen und gönnte mir zwei Bier. Der Rest des Weges sollte zwar noch lang sein, aber nicht mehr steil. Die Hütte liegt etwa 1400 Meter hoch.

IM HINTERGRUND DIE BEWIRTSCHAFTETE HÜTTE AUF DER ALM. NACH DEM, WAS ICH SPÄTER NOCH ERFAHREN HABE, WAREN DIE SCHUTTHAUFEN IM LINKEN BILDBEREICH MAL DIE EIGENTLICHE KRINER-KOFLER-HÜTTE... BIS ZU DEN LAWINEN DES LETZTEN WINTERS.

Um fünf vor Zwei brach ich dann auf, den letzten Teil des Weges zu begehen, wobei ich mich schon wieder ganz gut fühlte. Ich hatte auch kurz die Füße in einem Bach gebadet, was ich immer ganz angenehm finde, wenn die Wandersocken ordentlich gequalmt haben. Außerdem wagte ich mich jetzt, nur im T-Shirt zu laufen, was ganz gut war, denn zum Tal hin wurde es merklich wärmer. Zunächst steigt man ein paar Meter auf dem Fahrweg bergauf, dann wieder bergab und irgendwann geht es dann links über den (derzeit beinahe ausgetrockneten) Seinsbach zum Jägersteig, der zunächst ebenfalls als Fahrweg, später als gut ausgebauter Pfad mit vielen malerischen Stegen über kleine Sturzbäche oberhalb des Tals zur Aschauer Alm führt. Durch die vielen Gewässer war der Weg aber auch sehr feucht und teilweise glitschig.

EINER DER VIELEN STEGE, DIE AM JÄGERSTEIG ÜBER DIE GEWÄSSER UND UNWEGSAMES GELÄNDE FÜHREN.

SOLCH FALLENDE GEWÄSSER FINDET MAN AM JÄGERSTEIG ABER AUCH IN DEN ALPEN ALLGEMEIN IMMER WIEDER.

An der Alm (die nicht, wie auf manchen Karten beschrieben einen Gasthof hat) machte ich gegen 15:15 Uhr noch eine Pause und lief dann die letzten ziemlich öden Kilometer direkt oberhalb der Haupstraße entlang bis zu unserer Ferienwohnung, wo ich um 16:20 eintraf.


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